Gedanken zur Europameisterschaft 2016

Bald werden wir Hertha gegen Magnet Sibirsk, Krassnogorsk FK oder den Janzweitweg FC in die Europa League brüllen. Die letzten Wochen gehörten jedoch der Europameisterschaft in Frankreich. Ich habe mal ein paar Gedanken zu diesem Turnier niedergeschrieben und möchte sie euch nicht vorenthalten.

Das war sie, die Europameisterschaft 2016 – zumindest wenn man sie aus der Perspektive der deutschen Nationalmannschaft betrachtet. Das tue ich hiermit. Es ist nicht so, dass mich das Finale zwischen Frankreich und Portugal nicht interessieren würde. Ich werde es mir selbstverständlich anschauen, aber nicht mit Adrenalin vollgepumpt. Nicht mit einem Blutdruck von 200 zu 140. Irgendwo dort wird er nämlich gewesen sein, beim Elfmeterkrimi zwischen Deutschland und Italien. Auch nicht mit einem Puls von 180. Irgendwo dort wird er nämlich gewesen sein, als Deutschland sich nach der Halbzeit, dem verhängnisvollen Elfmeterpfiff gegen Bastian Schweinsteiger und der verletzungsbedingten Auswechslung von Jerome Boateng auf der Verliererstraße wiederfand. Nein, das Finale wird am Sonntag ganz entspannt geguckt. Mit interessiertem Blick – aber ohne Aufregung oder gar emotionaler Beteiligung. Möge der Bessere gewinnen. Also Frankreich. Zu Null. Allein schon, damit das Model nicht wieder seinen dämlichen PR-Torjubel abziehen kann, bei welchem er vermutlich auf portugiesisch “ich habe Feuer gemacht” vor sich hinbrabbelt.

Lange sah es so aus, als würde ich auch die Spiele der deutschen Mannschaft tiefenentspannt verfolgen können. Ein Turnier-Fieber, welches mich bei Welt- oder Europameisterschaften sonst wochenlang in den Bann zu ziehen pflegte, wollte sich lange Zeit nicht einstellen. Die Qualifikationsspiele? Mit einem halben Auge verfolgt. Die letztlich gemeisterte Qualifikation? Geradezu gleichgültig registriert. Freundschafts- und Testspiele? Who cares. Als auch die Auslosung der EM-Gruppen und die langsam zunehmende Berichterstattung direkt vor dem Turnier keine Gänsehaut auslöste, begann ich mir Sorgen zu machen. Bin ich etwa Fußball-übersättigt? Abgestumpft? Generell nicht mehr begeisterungsfähig? Schlimm. Tatsächlich dauerte es bis zum dritten Gruppenspiel, bis mich diese Europameisterschaft dann doch in ihren Bann zog – und bis Donnerstag, 22.50 Uhr nicht mehr los ließ.

Ich bin zufrieden mit diesem Turnier. Nicht mit allem, ein wenig nörgeln ist angebracht und auch erlaubt, aber doch überwiegend. Einige der kleinen Mannschaften, welche sich bei einem kleineren Teilnehmerfeld nicht qualifiziert hätten, haben das Turnier bereichert. Teilweise, weil sie – allen Qualitätvorbehalten zum trotz – einen Überraschungseffekt in das Turnier gebracht haben. Sicherlich haben weder Island, noch Wales die ganz feine Klinge gespielt. Aber das müssen sie auch nicht. Sie haben etablierten Mannschaften mit Kampfgeist, Leidenschaft und Herz Paroli geboten. Selbstredend haben auch die Fans aus Wales, Nordirland und Island das Turnier mit ihrer Begeisterung aufgewertet. Eine Begeisterung, zu der man vermutlich nur im Stande ist, wenn schon der reine Gedanke an eine Teilnahme ob der schieren Unglaublichkeit des Umstandes Euphorie auslöst. In der Champions League rege ich mich auf, wenn jedes Jahr aufs neue ab dem Viertelfinale zu 90 Prozent die gleichen Truppenteile alles unter sich ausmachen. Da wäre es etwas inkonsequent, über die Überraschungsmannschaften im Viertel- und Halbfinale die Nase zu rümpfen. Dass die beiden Turnierbäume etwas ungleich besetzt waren: geschenkt. Das nennt sich Losglück und das war in der Vergangenheit oft genug der Freund der Deutschen. Diesmal hat es uns einen recht steinigen Weg beschert.

Überhaupt die Deutsche Nationalmannschaft: es ist mir ein Rätsel, wie man mit der gezeigten Leistung unzufrieden sein kann. Wir standen zum sechsten mal in Folge bei einem großen Turnier im Halbfinale. Es gibt eine ganze Kinder-Generation, die denkt, Deutschland wäre im Halbfinale großer Turniere gesetzt! Wir haben zum ersten mal seit dem Urknall die Squadra Azzurra besiegt – und noch nie (!) so gut gegen die Italiener ausgesehen. Und auch im letztlich verlorenen Halbfinale haben wir dem Spiel über weitere Strecken den Stempel aufgedrückt. Und das in einem Übergangsjahr, in dem so einiges gegen ein erfolgreiches Abschneiden der deutschen Mannschaft sprach: Klose weg, Lahm weg, Reus verletzt, Schweinsteiger auf den letzten schwankenden Metern seiner internationalen Karriere, Müller in einem Formtief der Marke Mariannengraben. Eine Mannschaft mit Jonas Hector als Stammspieler – wahrlich kein Schlechter, aber ohne jegliche internationale Erfahrung. Eine Mannschaft mit Götze, Draxler und Schürrle – was genau haben die in der letzten Saison gerissen? Eine Mannschaft mit Can und Kimmich, mit Weigl und Sane – Spielern denen die Zukunft gehört, aber eben noch nicht zu 100% die Gegenwart. Eine Mannschaft, der im Halbfinale dann mit Hummels, Khedira, Gomez und – ein letzter Sargnagel für die Hoffnung das Spiel noch drehen zu können – Boateng, auch noch die Schlüsselspieler weggebrochen sind. Aber auch diese Nackenschläge haben uns nicht davon abgehalten hat, die französische Mannschaft in der ersten Halbzeit so in die eigene Hälfte zu drücken, dass Gary Lineker über Twitter verkündete

“This is astonishingly one-sided. If Kanté doesn’t come on at halftime I’d be shocked. No protection in front of the back four.”

Die deutsche Mannschaft ist souveräner, abgeklärter und über weite Strecken dominanter aufgetreten, als man es vor dem Turnier bei realistischer Betrachtung erwarten durfte. Wieder einmal ist eine DFB-Elf aufgelaufen, bei der die Summe größer war als die Einzelteile. Und das ist der Verdienst von Jogi Löw. In anderen Ländern würde man dem Jogi Statuen bauen und in jeder zweiten Stadt Plätze nach ihm benennen. In Deutschland lauert hingegen hinter jeder Ecke ein Scholl und brüllt laut und deplatziert “Falsche Taktik, falsche Aufstellung und überhaupt!!!” Manchmal hasse ich meine Landsleute.

Letztlich hat uns die mangelnde Effizienz vor des Gegners Tor vom Sieger-Treppchen ferngehalten. Für Ballbesitz und dominantes Spiel gibt es eben im Fußball keine Punkte. Die gibt es für das Erzielen von Toren. Daran wird bis 2018 zu arbeiten sein. Wenn dann ein Müller wieder macht, was deutsche Spieler mit diesem Namen bei Weltmeisterschaften traditionell eben machen (Spoiler: viele Tore!), wenn wir ein bisschen weniger Verletzungspech haben, wenn die in diesem Turnier noch einen Tick zu jungen und unerfahrenen Debütanten mit Macht in die Stammelf drängen – dann wird es auch in Russland wieder sehr schwer, uns zu schlagen.

Aber bis dahin fließt noch so einiges an Wasser durch Havel und Spree. Erstmal zurück lehnen und das Finale genießen. Und wenn dann die Bundesliga wieder startet – wen juckt dann noch die Nationalmannschaft!?

Ein Gedanke zu „Gedanken zur Europameisterschaft 2016

  1. Dit nennt man wohl “Seelenverwandschaft”, denn mir erging es genau so wie du es hier nieder geschrieben hast. Anfänglich nicht warm geworden und nur langsam die EM-Fahrt aufgenommen. Auch zum Thema “Nationalmannschaft” bin ick auf einer Wellenlänge mit dir. Klasse Text … 👏

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